Im Bann des Theaters (Romanze) |
Jin

Doppel-As
Dabei seit: 21.05.2008
Beiträge: 115
Herkunft: NRW
Level: 25 [?]
Erfahrungspunkte: 96.724
Nächster Level: 100.000
Themenstarter
 |
|
Kapitel 34: Schöner, schöner Winter...II
-------------------------------------------------------------------------
@Grassolini: Es kommt raus. Jupsa, so viel ist schon einmal klar. Die Frage ist und bleibt nur: Wie kommt es raus? *gg* Wird er es ihr noch rechtzeitig sagen? Oder werden die Anderen das Ganze aufdecken? Oder wird es vielleicht noch...jemand drittes geben, der alles aufdeckt?
Fakt ist: Es bleibt spannend und das war mein Ziel *g*
--------------------------------------------------------------------------
Die Sonne lachte vom Himmel her auf das tief verschneite London herab. Ihre goldenen Strahlen ließen den Schnee diamentgleich schimmern. Eine behagliche Stimmung kam auf.
Der Atem stand einen in weißen Schwaden vor den Mund, der Wind zerrte sachte an den Haaren, neckte hier und da die unbedeckte Haut mit kalten Fingerspitzen. Er fuhr durch die kahlen Bäume, ließ die dünnen Ästchen erzittern.
Auf den zugefrorenen See zogen Kinder ihre Bahnen. Ihr Lachen, ihr Kreischen verband sich zu einer wunderbaren Melodie des Glücks und über all dem lag der Schnee. Rein und weiß, wunderbar flauschig und so schön anzusehen.
Ana zog tief die Luft in ihre Lungen. Dann ließ sie sie langsam wieder entweichen. Ihre Nasenspitze war rot angelaufen und auch ihre Wangen zierte ein kräftiges Rot. Sie sah entzückend aus.
„Wunderschön, nicht?“
Sie nickte, vergrub ihre Hände in ihren Manteltaschen und schaute den Kindern bei ihrem munteren Spiel zu. Dann schloss sie kurz die Augen, genoss einerseits die Stille und andererseits die fernen Stimmen der Kinder, die der Wind zu ihr trug. Ihre Nase vergrub sie im wärmenden Schal.
„Als Kind haben Sam und ich immer Schneemänner gebaut, sobald der erste Schnee lag.“
Sie legte ihren Kopf auf ihrer Schulter ab, öffnete langsam, fast zaghaft die Augen und musterte dem Sprecher kurz. Danach ließ sie ihren Blick wieder zum See gleiten.
„Wir haben immer Dads Lieblingsschal und Mums besten Hut gemopst.“ Ein leises Kichern ertönte, gefolgt von einem Seufzen. Keinen traurigen, eher einen sehnsuchtsvollen. Einen, den man ausstieß, wenn man sich alter Dinge erinnerte, die man fest in sein Herz geschlossen hatte...
„Einmal haben wir sogar unsere ganze Familie nachgebaut.“ Kurzes Schweigen. „Wirklich alle. Mum, Dad, Onkel Willi, Tante Sophie...einfach alle.“
Erneutes Schweigen. Dieses Mal hielt es länger an. Sie genossen es. Hielten ihre Gesichter den Sonnenstrahlen entgegen und ließen den Wind ihre Nasenspitzen kitzeln. Von weit, weit her ertönte Hundegebell gefolgt von einem Jauchzen.
Eine alte Dame schlenderte an ihnen vorbei. Sie sah ungemein streng aus. Ihr Dutt war zu einem festen Knoten gebunden, kein einziges Strähnchen hatte sich gelöst. Ihr Blick war hart und kalt und ihr Mund zu einem verkniffenen Strich zusammengepresst. Sie hatte etwas Raubvogelartiges an sich, wie sie so die Gegend mit ihren Blick maß.
„Wie Frau Krahl...“
„Was?“ Ana schreckte auf. Sie drehte sich blinzelnd, ja beinahe schon erstaunt zu ihrem Gesprächspartner um. Fahrig fuhr sie sich durch die Haare.
„Die Frau. Sie erinnert mich an meine alte Klassenlehrerin.“
„Achso.“ Ana ließ sich zurück gegen die Bank sinken. Das alte Holz knarrte leise.
„Weißt du, meine Klassenlehrerin war wirklich furchtbar streng. Wenn du auch nur ein einziges Mal deine Hausaufgaben nicht hattest, konntest du eine gute Zeugnisnote vergessen.“ Ein Seufzen ertönte. „Ja ja, die liebe Frau Krahl hat mir meine süße Unschuld geraubt und mir die Schule für immer verdorben.“ Ein unterdrücktes Kichern erklang in der winterlichen Stille. „Selbst Mum ist felsenfest davon überzeugt, dass diese Schreckschraube daran schuld ist, dass ich der Schule so schnell den Rücken gekehrt habe.“ Dem Kichern folgte ein Lachen. Es war von einem angenehmen, warmen Klang.
„Mmmh.“ Ana ließ ihren Blick durch die Gegend schweifen. Hier und da blieb er an einen kahlen Baum, einen fröhlichen Kindergesicht oder einem Stück tristen Grün hängen. Dann verweilte er längere Zeit bei einem kleinen Mädchen mit witzigen blonden Zöpfen, das fröhlich über das Eis schlidderte. Der Anblick des aufgeweckten Hundes an ihrer Seite entlockte der jungen Frau ein Lächeln.
Die Kälte belebte sie mehr und mehr. Die wunderbar frische Luft erfrischte sie, ließ sie aus dem dämmrigen Alltagstrott erwachen und den Tag mit sehenden Augen betrachten. Sie sah die Sonne, strahlend gelb, wärmend, sie sah den Schnee, unschuldig und rein, sie sah den Himmel, so blau und endlos... Alles strahlte eine gewisse Harmonie, ein Stückchen Wohlfühlen aus.
„Schau nur wie schön!“
„Mmh...?“ Anastasia richtete sich leicht auf und schenkte ihrem Gesprächspartner einen fragenden Blick. In der von ihm angedeuteten Richtung konnte sie nichts Besonderes erkennen.
„Na dort!“ Mit der Hand wies er ihr die Richtung. „Siehst du die beiden Vögel da nicht? Der eine hat einen blauen Fleck auf der Brust. Sie scheinen fast miteinander zu tanzen.“
Anastasia schüttelte den Kopf. „Wo...?“, wollte sie wissen und kniff ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Na da vorne. Im Baum.“ Auch diese Hilfestellung war vergebens. Sie konnte keine Vögel zwischen den Bäumen am Wegesrand ausmachen. „Warte, ich zeig es dir.“ Er rückte näher an sie heran, legte seinen linken Arm auf der Rückenlehne ab. Sein Oberschenkel berührte den ihren und seine Hand erspürte den weichen Stoff ihres Schals. Ein Stückchen mehr und auch seine Wange hätte die ihre berührt. „Folge meiner Hand mit dem Blick, okay?“ Auch er kniff die Augen zusammen und visierte die beiden munteren Vögel mit der Hand an. „Siehst du sie nun...?“
Ana rückte noch ein Stückchen näher. Sie legte den Kopf leicht schräg. Von der Seite schien es so, als ob sie ihn auf seiner Schulter abgelegt hätte. „Ja!“ Freude schimmerte in diesem Wort mit. Helle und unverfälschte Freude. Ihr ganzes Gesicht erstrahlte geradezu. „Wie schö...“
Ein heller Blitz gleißte auf und war schlagartig wieder verschwunden. Eine Sekunde verging. Dann wurde erneut der Auslöser gedrückt. Ana merkte erschrocken auf. Sie zuckte sichtlich zusammen und stand mit einem Satz auf den Beinen. „Was zum...?!“ Verwirrung. Ihre Miene drückte pure Verwirrung aus.
„Oh, verdammt!“, fluchte der junge Mann neben ihr und richtete sich ebenfalls auf. Nach der Schrecksekunde konnte er dem grellen Kameralicht nun eine Bedeutung zu ordnen. „Bitte, keine Fotos!“, rief er dem übereifrigen Journalisten zu, der ein breites Grinsen im Gesicht trug und mit selbstzufriedener Miene die digitalen Fotos betrachtete.
„Könnt ich vielleicht noch ein Foto haben...?“, wagte er sogar dreist zu fragen. „Vielleicht könnten sie die junge Frau ja in die Arme nehmen, Mr. Bloom.“, schlug er vor. In Erwartung eines Fotos hatte der junge Mann mit dem pickligen Gesicht bereits wieder die Kamera erhoben. Sein Zeigefinger lag griffbereit auf den Auslöser. „Ein Kuss wäre wirklich furchtbar toll von ihnen!“
„Verdammt noch mal, ich habe gesagt, dass...“
„Gehe ich Recht in der Annahme, dass sie erneut vergeben sind, Mr. Bloom?! Wer ist die schöne Frau in ihrer Begleitung?! Wie lange sind sie schon leiert?! Wie haben sie sich kennen gelernt?!“ Frage über Frage sprudelte aus dem eifrigen Reporter hervor, während Orlando sich schützend vor Anastasia schob und der Fragenflut hilflos gegenüberstand. Man sah ihm seine Verzweiflung deutlich an. Zugleich lag jedoch etwas in seinem Blick, etwas Mörderisches.
„Kein Kommentar, okay?! Ich bin privat hier und wünsche, dass meine Privatsphäre auch toleriert wird!“, sprach Orlando energisch und wandte sich dann zu Anastasia um. Diese war sichtlich verwirrt. Ihr Blick schweifte zwischen ihrem Freund und dem Fotographen hin und her.
„Jonathan...? Was soll das...?“, fragte sie. Ihre Stirn hatte sie in erstaunte Falten gelegt.
„Ich erklär es dir später, okay?“ Orlando fasste sie bei der Hand und forderte sie so auf ihm zu folgen. „Lass uns erst einmal von hier verschwinden.“ Er zog sie in Richtung Parkausgang.
„Aber...“ Ana ließ ihren Blick wieder zu dem Reporter wandern, der die Kamera erneut erhoben hatte und munter vor sich hin knipste. Seine Fragen nahm sie nicht einmal mehr wahr. Sie glichen viel mehr dem stetigen Rauschen eines Wasserfalls. „Aber was ist denn überha...“
„Ana...? Wer ist denn der fremde Mann...?“ Eine kindliche Stimme erklang in ihrem Rücken und mit einem Ruck drehten sich die drei Erwachsenen um.
„Oh...“ Der Journalist konnte sein Glück wohl kaum fassen. Sein Mund war ungläubig aufgeklappt und erst nach einer Schrecksekunde stahl sich ein erstes, fast zaghaftes Lächeln auf sein Gesicht. Dann ging alles ganz schnell. Es dauerte nicht einmal eine Sekunde und schon erhellte ein greller Blitz die Gegend und Wanda schreckte erschrocken zurück. Das Mädchen begann rückwärts zu taumeln, versuchte sich an dem Hund an ihrer Seite festzuklammern, fand aber keinen Halt und fiel letztendlich auf den Boden.
„Aua!“ Ihre Augen schimmerten tränennass. Sie schniefte laut, raffte sich auf und humpelte auf ihre Tante zu, die sie mit offenen Armen empfing. Es war nicht so sehr der Schmerz, der ihr die Tränen über die Wangen trieb, sondern viel mehr der Schock. Sie vergrub ihr sonst so munter lachendes Gesicht im Mantel ihrer Tante. Ihre kleinen Hände waren zu Fäusten geballt und klammerten sich in den Stoff des Kleidungsstückes. Ihre Schultern bebten ganz sachte.
„Oh Gott, Wanda!“, entfuhr es Ana, die das Mädchen fest an sich drückte und ihr immer wieder beruhigend über den Rücken strich. „Schatz, nicht traurig sein. Pssst, alles ist gut, alles ist gut...“, versuchte sie das Mädchen zu beschwichtigen, während sie es sachte in ihren Armen wiegte.
Auch Orlando sorgte sich um seine kleine Freundin. Er hatte sich vorgebeugte und seine Hand fürsorglich auf den Oberarm des Mädchens gelegt. Selbst Sidi drängte sich mit einem leidenden Gesichtsausdruck an die Beine seines Herrchens und stieß hin und wieder ein wehleidiges Wimmern aus. Der Rüde schien ganz verwirrt zu sein.
Natürlich war dieses Bild gefundenes Fressen für den Journalisten. Der junge Mann konnte sein Glück wohl kaum glauben, sooft drückte er den Auslöser und starrte anschließend auf das entstandene Bild, das ihm wohl entweder eine saftige Geldprämie oder eine Beförderung bescheren würde...
„Scheiße!“ Orlando fuhr sich fahrig durch seine wirren Haare. „Kommt lass uns gehen!“ Er drängte, ja schupste Anastasia schon fast in Richtung Parkausgang. Immer wieder entkam seinen Mund dabei ein gefluchtes ‚Ich Idiot!’, ein leidenschaftliches ‚Scheiße!’ oder sogar ein typisch amerikanisches ‚Fuck it!’.
Der Reporter folgte ihnen indes auf Schritt und Tritt. „Mr. Bloom ist das ihre Tochter?! Wenn ja, warum haben sie sie vor der Welt verschwiegen?! Gedenken sie die Mutter ihrer Tochter zu heiraten?! Weiß ihre Mutter um ihr Enkelkind?! Wie wollen sie...“ Fragen über Fragen. Viele waren unsinnig, rein spekulativ, aber umso besser für die Verkaufszahlen.
Erst am Parkausgang und im Schutz des Autos, konnten die drei endlich aufatmen. Anas Gesichtsausdruck war inzwischen verbissen...
------------------------------------------------------------------
Hast du noch Zeit für ein Review?
|
|
15.02.2009 17:33 |
|
|
grassolini

Foren As
   
Dabei seit: 26.06.2008
Beiträge: 76
Herkunft: Bayern
Level: 23 [?]
Erfahrungspunkte: 61.188
Nächster Level: 62.494
 |
|
Du kannst doch jetzt nicht aufhören! mittendrin. Gemein!
|
|
17.02.2009 12:22 |
|
|
Jin

Doppel-As
Dabei seit: 21.05.2008
Beiträge: 115
Herkunft: NRW
Level: 25 [?]
Erfahrungspunkte: 96.724
Nächster Level: 100.000
Themenstarter
 |
|
Kapitel 34: Schöner, schöner Winter...III
---------------------------------------------------------------------
@Grassolini: Kann ich *hüstle Sogar länger als gedacht *lala Sorry, aber die Vorabiklausuren haben mich ziemlich in Beschlag genommen und darum habe ich meine Schreibtätigkeiten für eine kurze Zeit vollkommen auf Eis gelegt. Dafür wird es jetzt (vorerst) normal weiter gehen. Ich warne dich aber jetzt schon einmal: Bin bald in Urlaub und da heißt es auch wieder: Warten *lachz
----------------------------------------------------------------
Mit zu einem dünnen Strich zusammengepressten Lippen schloss Anastasia die Haustür auf. Neben ihr stand Orlando, der Wanda auf den Arm trug. Das Mädchen gab hin und wieder ein Schniefen von sich und rieb sich mit ihren kleinen Händchen die brennenden Augen. Sidi wiederum stand wimmernd neben ihnen. Der Hund war sichtlich nervös...
Mit einem Ruck öffnete Ana die alte Haustür, die ein Quietschen von sich gab und knarrend aufschwang. Sie hielt sie für Orlando auf, ehe sie sie hinter seinen Rücken schloss. Kein Wort entkam ihren Lippen währenddessen und ihr Blick war starr nach vorne gerichtet. Tief in Gedanken versunken fuhr sie Wanda über den Arm...
Sie erklommen stumm die Treppen in den obersten Stock. Es war gespenstisch still in den alten Haus. Nur hier und da knarrte eine alte Diele unter ihren Füßen oder heulte der Wind durch die dunklen Flure. An ihrer Wohnungstür angekommen, öffnete Anastasia wortlos ebendiese und betrat vor Orlando den Eingangsbereich der kleinen Dachgeschosswohnung.
Wanda hatte sich währenddessen eng an ihren großen Freund gekuschelt. Der Mantelstoff, den ihre Hände fest umklammert hielten, und ihre wirren Haare verbargen ihr Gesicht vor neugierigen Blicken.
Anastasia legte den Schlüsselbund auf der Anrichte ab, zog sich fast automatisch den Mantel aus und streifte sich ebenso beiläufig die Schuhe von den Füßen. Orlando stand ratlos neben ihr. Er fuhr Wanda immerzu mit der rechten Hand über den Schopf und wiegte das Mädchen sachte in den Armen.
„Soll...“ Er räusperte sich, schenke Anastasia einen angespannten Blick. „Soll ich sie ins Bett bringen?“
Anastasia nickte und fügte dem noch hinzu: „Ja, ich mach ihr einen Kakao. Zur Beruhigung.“ Sie sah ihn bei diesen Worten nicht an, sondern verließ den kleinen Vorraum und betrat die Küche, die zu ihrer Linken lag.
Orlando stieß ein Seufzen aus und schüttelte langsam seinen Kopf. Der junge Brite war sichtlich angespannt und sein Gesicht zu einer verkniffenen Grimasse verzogen. Ein letztes Seufzen ausstoßend verließ aber auch er dann den Raum...
-----------------------------------------------
„Hier, Schatz. Dein Kakao.“ Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen reichte Anastasia ihrer Nichte die dampfende Tasse. Das kleine Mädchen hatte sich inzwischen sichtlich beruhigt. Ihre Augen waren zwar nach wie vor gerötet, aber keine neue Nässe zierte ihre Wangen und auch das Schniefen war endlich verstummt. Wanda hatte sich fest in ihre Bettdecke eingekuschelt und lehnte mit dem Rücken an Sidi, der aufmerksam die Umgebung nach Gefahren absuchte. Die Ohren des Rüden spielten dabei aufmerksam und seine angespannte Haltung legte nahe, dass er nur bei der kleinsten Gefahr aufspringen und seine kleine Freundin verteidigen würde.
Anastasia hatte sich auf der Bettkante niedergelassen, auf der kurz zuvor noch Orlando gesessen hatte. Der Brite hatte ihr widerstandslos den Platz frei gemacht und hielt sich auch jetzt dezent im Hintergrund. Die angespannte Stimmung zwischen den beiden Erwachsenen war beinahe fühlbar. Sie lag bleischwer in der Luft und bohrte sich bei jedem Atemzug tief in Orlandos Herz.
„Danke.“ Wanda umschloss die Tasse mit beiden Händen, suchte instinktiv die beruhigende Wärme.
Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Von draußen erscholl ein fröhliches Kinderlachen, gefolgt von lautem Gekreische und einer männlichen Stimme, die mit einem Lachen in der Stimme etwas zu dem Kind sagte. Und als ob dies noch nicht Blasphemie genug wäre, lachte nach wie vor die Sonne von einem strahlend blauen Himmel und tauchte die Welt in ihr goldenes Licht.
„Mir tut mein Knöchel weh.“ Wanda hatte nur ganz leise gesprochen. Sie schenkte ihrer Tante einen wehleidigen Blick und deutete mit einem Nicken auf ihren linken Fuß.
„Trink deinen Kakao, Schatz.“, forderte Anastasia ihre Nichte auf, während sie bereits nach dem Fuß griff. „Ich schaue mir das mal an. Sag, wenn es weh tut, okay?“, sagte sie an das Mädchen gewandt.
Orlando, der unwillkürlich bei den Worten Wandas einen Schritt auf das Kind zugetan hatte, zog sich indes wieder zurück in die Schatten des Zimmers. Er spürte, dass er nicht willkommen war...
Anastasia krempelte indes die Hose ihrer Nichte hoch und streifte der Kleinen anschließend auch noch den Socken ab. „Oh, verdammt.“, entfuhr es ihr und sie stieß mit einem Zischen die Luft aus. „Tut’s sehr wer, Schatz?“ Sie fuhr mit den Daumen über den bläulich angelaufenen Knöchel. „Das sieht mir nach einer Verstauchung aus.“ Sie beugte sich näher über den Fuß und bewegte in sachte erst in die eine, dann in die andere Richtung.
„Aua! Lass das!“ Wanda entzog ihrer Tante mit einem Ruck ihr Bein und schenkte ihr einen wütenden Blick. Ein vorwurfsvolles ‚Das tut weh!’ entkam ihren Mund. Auch Orlando, der sich immer wieder nervös mit der Hand durch die Haare gefahren war, war erschrocken zusammengezuckt bei dem Schmerzlaut von Wanda. Seine Hände zuckten. Am liebsten wäre er zu dem Mädchen geeilt und hätte ihr geholfen...
„Eindeutig verstaucht.“ Anastasia stieß ein Seufzen aus. „Halt das Bein ruhig, ja...? Ich bin nur einmal kurz in der Küche und hol dir einen Eisbeutel zum kühlen.“ Und schon war Ana ausgesprungen und eilte aus dem Kinderzimmer...
Auf der Straße fuhr ein Auto an. Ein Hund gab ein Bellen von sich. Sidi, der aufmerksam seine Ohren spitzte, merkte auf.
„Jonathan?“ Wanda, die natürlich nicht auf das Verbot von ihrer Tante gehört hatte, hatte ihr Bein zu sich herangezogen und betrachtete sich den bläulich gefärbten Knöchel von allen Seiten. Prüfend übte sie Druck auf die Haut aus und verzog anschließend den Kopf. Ihr Blick schien erstaunt zu sagen: ‚Das tut ja wirklich weh!’.
„Ja, Kleines?“ Orlando trat einen Schritt aus dem Schatten heraus. Er stand nur wenige Schritte von Wandas Bett entfernt.
„Willst du nicht herkommen...?“ Wanda schenkte ihm einen bittenden Blick und deutete ihn mit einem Klopfen an, dass er sich neben ihr nieder lassen sollte.
Orlando aber wiegte nur nachdenklich den Kopf. „Lieber nicht. Deine Tante ist im Moment nicht ganz so gut auf mich zu sprechen.“, gab er zu bedenken.
„Wieso denn...?“ Ein unwissender Blick traf den Schauspieler. „Für diesen doofen Mann kannst du ja wohl nichts!“ Das kleine Mädchen nickte mehrmals energisch, wobei ihre Haare munter im Takt ihrer Bewegung auf und ab hüpften.
„Na ja, also...“ Orlando verfiel sogleich ins Schweigen, als sich die Tür öffnete und Anastasia den Raum betrat. Die junge Frau ließ sich erneut neben ihrer Nichte auf das Bett sinken.
„Ich habe noch eine Salbe gefunden. Vielleicht hilft sie ja.“, erklärte sie ihrer Nichte, während sie ein Küchentuch um das Kühlakku wickelte und dieses dann auf den verstauchten Knöchel drückte. „Morgen werden wir aber trotzdem einmal zum Arzt gehen.“ Sie strich Wanda aufmunternd über die Wange. „Willst du eine Schmerztablette?“
Wanda schüttelte den Kopf. „Nö, geht schon.“, behauptete sie und kuschelte sich enger an Sidi. Dem Mädchen entkam ein Gähnen, ihre Hände hatten sich in Sidis schwarzem Fell vergraben.
„Bist du müde, Schatz?“ Wanda nickte und bettete ihren Kopf auf Sidi ab. Ihre Augen schlossen sich fast automatisch. „Dann lassen wir dich mal lieber schlafen.“ Ana beugte sich über das Kind und hauchte ihm einen Kuss auf den Schopf. „Wir sind im Wohnzimmer, wenn was ist, okay?“ Wanda nickte...
------------------------------------------------
Sie hatten sich im Wohnzimmer niedergelassen, saßen sich direkt gegenüber. Anastasia hatte sich ein Weinglas gewidmet. Orlando hatte sie wiederum nicht einmal eines angeboten.
Inzwischen war es hinter den Fenstern dunkel geworden. Die Straßenlampen waren entzündet wurden und ihr warmes Licht strömte in das Wohnzimmer. Es war still geworden. Die meisten Menschen saßen inzwischen vor den flimmernden Fernsehern. Nur noch hier und da war leises Stimmengemurmel zu vernehmen...
„Also...?“ Sie sah ihn nicht einmal an, als sie sich an ihn wandte. Nippte nur, äußerlich gelassen, an ihrem Glas und zog ihre Beine zu sich heran. „Was sollte das Ganze...?“
Orlando stieß ein Seufzen aus und fuhr sich durch die Haare. Seine andere Hand spielte nervös mit einem Knopf seines Hemdes. „Das ist eine lange Geschichte.“, entkam es ihm schließlich, gefolgt von einem weiteren Seufzen.
Anastasia schwieg. Sie schaute aus dem Fenster, ließ ihren Blick zum vollen Mond wandern. Ganz fern am Horizont war noch ein schmaler Streifen Rot auszumachen. Schon bald würde er der Schwärze weichen und erst mit dem beginnenden Tag erneut in Erscheinung treten.
Orlando durchfuhr ein unangenehmer Schauder. Die angespannte Stimmung hatte sich wie ein Mantel um sein Herz gelegt und presste es fest zusammen. „Ich heiße nicht Jonathan Blanchard.“, fiel er schließlich mit der Tür ins Haus. „Also...“ Er geriet ins Stocken. „Also eigentlich schon. Jonathan ist mein Zweitname, weißt du?“
„Mmh.“ Ana schien es vorgezogen zu haben, ihn erst einmal zuzuhören. Ihre Haltung drückte kein besonderes Interesse aus, aber auch so wusste Orlando, dass ihre ganze Aufmerksamkeit bei ihm lag und dass sie seine Worte geradezu in sich aufsog.
„Ich...“ Er holte noch einmal tief Luft und ließ sie anschließend mit einem Zischen entweichen. „Ich bin nicht der, der ich vorgegeben habe zu sein.“ Nun blickte er Ana direkt an, bemerkte diesen harten Zug um ihre Lippen. „Ich bin nicht nur einfach ein Geschäftsmann aus London. Ich bin ein Schauspieler, ein bekannter Schauspieler.“
Ana nickte mit dem Kopf. „Ich weiß.“ Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Ihre Stimme barg einen harten Ton. „Du bist Orlando Bloom.“
„Ja.“ Sie schwiegen. Von gegenüber hallte lautes Gelächter zu ihnen herüber. Musik ertönte. Lustige Musik, heitere Musik. Der Mond verschwand hinter einer Wolke. Eine unwillkürliche Dunkelheit legte sich über die dunklen Gassen Londons, während die großen, auch jetzt noch belebten Straßen in warmes Licht getaucht waren.
„Es tut mir Leid.“ Orlando senkte seinen Blick. Er starrte auf seine Füße. Knetete nervös seine Hände.
„Mmh.“ Aus mehr bestand Anas Kommentar nicht. Die schwarzhaarige Deutsche nippte gedankenverloren an ihrem Glas und strich sich eine vorwitzige Haarsträhne hinter das Ohr. Wieder herrschte diese Stille zwischen ihnen. Eine bedrückende Stille, wie sie noch nie zwischen ihnen gewesen war. Sie dröhnte geradezu in ihren Ohren und ließ ein beklemmendes Gefühl in Orlandos Herzen entstehen.
„Es tut mir wirklich Leid, Ana.“, wiederholte er nochmals seine Worte. „Ich wollte es dir schon länger sagen, aber ich hatte Angst, weißt du?“
„Angst...?“ Endlich, endlich reagierte sie einmal auf seine Worte! Endlich sah sie ihn direkt an. Ihr Gesicht spiegelte Erstaunen und Unverständnis wieder.
„Ja.“ Orlando nickte mit dem Kopf. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie...wie manche Menschen abgehen, wenn sie erfahren, dass ich Orlando Bloom bin.“ Er schüttelte traurig den Kopf. „Gott, manche Fans sind wirklich die Hölle und selbst die freundlichsten Menschen scheinen oft auf einmal vollkommen verrückt zu werden, sobald sie wissen, dass ich Schauspieler bin!“ Ein abfälliges Schnaufen folgte diesen Worten. „Das habe ich nicht mehr ausgehalten, weißt du?!“ Er schenkte ihr einen um Verständnis bittenden Blick. „Ich wollte, dass sie mich um meinetwegen mögen. Um mich als Menschen willen und nicht weil Schauspieler bin!“
Ana reagierte nicht auf seine Worte. Sie hielt ihren Blick gesenkt. Keinen einzigen Gefühlsausdruck konnte Orlando auf ihrem Gesicht ausmachen. „Verstehe.“ Ihre Stimme glich kaum einem Flüstern. Ein Seufzen entkam ihrer Kehle. Sie legte ihren Kopf auf ihren angezogenen Knien ab und schloss die Augen.
Es vergingen Minuten. Der Mond schaute hinter den Wolken hervor, lugte neugierig ins Wohnzimmer. Dann ertönte ein Fauchen gefolgt von metallenem Scheppern, einem lautem zischen und schließlich ein lautes Katzengejammer. Dann herrschte wieder Stille. Gegenüber war es inzwischen still geworden. Die Uhr tickte rhythmisch an der Wand. Ihr Zeiger wanderte einem Schritt nach vorn.
„Bist du...“ Der junge Schauspieler musste sich räuspern. „...bist du wütend auf mich...?“
„Ja!“ Diese Antwort ließ Orlando erschrocken zusammenzucken. „Nein...“ Er schaute verwirrt auf. „Ich weiß es nicht.“ Anastasia stieß ein Seufzen aus und angelte mit der Hand nach einer Decke, die sie sich um die Schultern schlang. „Ich weiß es wirklich nicht...“ Sie schwiegen beide. Dann sagte Ana: „Ich bin einfach nur geschockt und vor allem besorgt um Wanda.“ Sie schenkte Orlando ein schmales Lächeln. „Das war einfach ein bisschen viel für mich, weißt du?“
Der Schauspieler nickte verstehend. „Ja, ich weiß.“ Erneutes Schweigen. Dieses Mal war es nicht mehr so drückend.
„Wolltest...wolltest du nicht noch zu deiner Mutter fahren?“ Anastasia schenkte ihm einen fragenden Blick.
Orlando zuckte die Schultern. „Eigentlich schon, aber...“ Er schaute zur Uhr. „Jetzt nicht mehr. Morgen werde ich fahren.“
„Mmh.“ Ana legte ihren Kopf erneut auf ihren Knien ab und schloss die Augen. Sie lauschte dem fernen Geräusch von munteren Stimmen. Ihre Beine und Arme fühlten sich angenehm schwer an. Ihre Gedanken verflüchtigten sich und wichen einen trägen Gefühl der wohligen Müdigkeit.
„Du solltest schlafen gehen. Du bist sicherlich vollkommen erschöpft...“ Orlando hatte sich leicht vorgebeugt und zupfte eine Ecke der Decke, die Ana bedeckte und heruntergerutscht war, zurecht.
„Mmh.“ Müde blickte die junge Deutsche auf. „Es ist noch früh.“ Ein Gähnen entkam ihrem Mund.
Auf Orlandos Gesicht schlich sich ein Grinsen. „Das ist der Schock. Jetzt wo das Adrenalin nachlässt, lässt auch deine Kraft nach.“ Der Brite stand auf. „Komm, geh lieber ins Bett.“ Er legte ihr sachte eine Hand auf die Schulter.
„Mmmh.“ Sie rieb sich über die Augen, um ihre Lider daran zu hindern sich endgültig über ihre Augen zu senken. „Und was ist dann mit dir?“, wollte sie wissen.
Orlando zuckte mit den Schultern. „Ich werde nach Hause fahren.“ Er zog sich seine Jacke über und kramte in der Tasche nach seinen Haustürschlüssel.
„Und was ist mit Sidi? Du wirst ihn schlecht mitnehmen können, ohne Wanda zu wecken.“, gab Anastasia zu bedenken.
Orlando runzelte seine Stirn. „Den werde ich morgen abholen ehe ich nach Canterbury fahr.“ Sie standen sich inzwischen direkt gegenüber. Ana musste leicht zu ihm hoch schauen.
„Also...“ Sie strich sich nervös eine Haarsträhne hinter das Ohr. „...also wenn du willst, dann...“ Eine verdächtige Röte hatte sich auf ihr Gesicht geschlichen. „...dann kannst du auch hier schlafen.“
„Wirklich..?“ Auf Orlandos Gesicht hatte sich ein Lächeln geschlichen. „Das wäre wirklich sehr nett von dir.“
„Natürlich.“ Auch Ana lächelte nun. „Ich bringe dir nur schnell eine Decke und Kissen.“ Sie schenkte der Couch einen skeptischen Blick. „Nur beschwer dich morgen nicht über Rückenschmerzen. Ich habe wirklich absolut keine Ahnung, ob dieses Sofa auch wirklich zum schlafen taugt...“
--------------------------------------------------
Hast du noch Zeit für ein Review?
|
|
06.03.2009 18:12 |
|
|
grassolini

Foren As
   
Dabei seit: 26.06.2008
Beiträge: 76
Herkunft: Bayern
Level: 23 [?]
Erfahrungspunkte: 61.188
Nächster Level: 62.494
 |
|
|
07.03.2009 14:07 |
|
|
grassolini

Foren As
   
Dabei seit: 26.06.2008
Beiträge: 76
Herkunft: Bayern
Level: 23 [?]
Erfahrungspunkte: 61.188
Nächster Level: 62.494
 |
|
wie traurig. Aber ich habe hoffnung das das gut geht.
Urlaub ist genehmigt. Ausnahmsweise
|
|
07.03.2009 14:09 |
|
|
Jin

Doppel-As
Dabei seit: 21.05.2008
Beiträge: 115
Herkunft: NRW
Level: 25 [?]
Erfahrungspunkte: 96.724
Nächster Level: 100.000
Themenstarter
 |
|
Kapitel 35: Frühstück im Hause Aren
-------------------------------------------------------------------------
@Grassolini: Ah, du kennst mich doch sicherlich inzwischen
Ich baue gerne einmal ein Kapitel ein, indem es auf einmal verdammt schlecht aussieht, aber irgendwann folgt dann auch wieder ein Kapitel der Annäherung *g* Die Hoffnung ist also quasi berechtigt *lachz Wobei,..ab und zu werde ich mir auch selber untreu *fg* Ein bisschen Abwechslung hin und wieder macht schließlich Spaß ^^
Urlaub ist genehmigt? *lachz Vielen, vielen Dank *verbeugz Zu gütig von dir!
Ist denn Abi auch genehmigt? *g* Denn da wird es definitiv auch kein Update geben
---------------------------------------------------------------------------
--------
Der Morgen graute über London und ein schmaler Streifen Rot zeichnete sich bereits am dunklen Firmament ab. Draußen auf den Straßen herrschte eine rege Geschäftigkeit. Fußgängerströme ergossen sich von den U-Bahnstationen aus in die Londonercity und die Zufahrtsstraßen nach London waren bereits verstopft. Der Lärm war gewaltig. Überall wurde gehupt, mit quietschenden Reifen angefahren oder laut geschrieen.
Nur im Hause Aren war noch alles still. Selbst Wanda, die doch eigentlich eine Frühaufsteherin war, schlief noch den Schlaf der Gerechten. Aus der Nachbahrwohnung waren Stimmen zu hören. Nur ganz leise und verzerrt...
Auf dem Sofa im Wohnzimmer schlief ein Mann. Einzig seine wirr abstehenden Haare waren unter der Decke auszumachen. Er lag auf den Bauch, hatte die Arme um ein Kissen geschlungen und eines seiner Beine lugte unter der MickeyMouse-Bettdecke hervor, wurde somit gnadenlos der Kälte ausgesetzt.
Die Uhr gab ein stetiges Ticken von sich und ein leichter Regen kam auf. Er schlug rhythmisch gegen die Fensterscheiben, wurde vom Wind getragen. Dann knarrte urplötzlich die Treppe. Hektische Schritte eilten die alte Holzkunstruktion hinab. Dann schlug die Haustür mit einem lauten Knallen zu...
‚Keiner wach?’ Sidi lugte aus dem Kinderzimmer hervor. Dann stieß der Rüde die Tür leicht an, bis sie vollends aufschwang und er sich nicht mehr durch sie hindurchzwängen musste. Gemütlichen Schrittes betrat er anschließend das Wohnzimmer und blickte sich erst einmal, ein Gähnen zwischenzeitig ausstoßend, um....
‚Oh, das Herrchen!’ Sidi begann freudig mit den Schwanz zu wedeln und eilte mit großen Schritten auf eben diesem zu. Mit einem Hopser landete er auf den Rücken des jungen Mannes und gab seine Freudensbekundung noch dadurch weiter kund, dass er ihm einmal quer über den Nacken schleckte und ein begeistertes Bellen ausstieß. Das obligatorische Schwanzwedeln durfte währenddessen natürlich nicht fehlen, auch wenn der Rüde beinahe ein Glas vom Tisch gefegt hätte...
„Sischi...“ Orlando vergrub seinen Kopf tiefer in den Kissen. Er stieß ein ärgerliches Grummeln aus und bewegte die Schulterblätter, um seinen Hund zu verjagen. Dieser stieß jedoch nur ein erneutes Bellen aus. „Sischi, schei leische...“ Orlando öffnete zaghaft ein Auge und schloss es dann sofort wieder. Er hatte direkt in den strahlenden Sonnenaufgang gesehen. Stöhnend vergrub er seinen Kopf wieder im Kissen. Unwillkürlich entkam ihn ein mürrisches ‚Grausam!’.
Sidi jedoch – der kleine Scherzbolt – ließ sich natürlich nicht von seinen Herrchen zurechtweißen, sondern stieß erneut ein Bellen aus.
„Sidi!“ Orlandos Stimme war klarer geworden, verständlicher, wacher. „Sei leise, Dicker! Ich will...“ Abrupt verstummte der junge Mann. Dann richtete er sich mit den Ellbogen auf und blickte sich verwirrt im Zimmer um. „Was zum...?“ Sein Blick blieb an einer quietschbunten Buntmalstiftzeichnung hängen. „Oh shitt, Sidi! Hoffentlich hast du niemanden aufgeweckt!“ Orlando wälzte sich mühsam auf den Rücken, sodass Sidi beinahe auf den Boden gelandet wäre.
‚Hey! Ich bin auch noch hier!’ schien der Rüde mit seinem empörten Schnaufen sagen zu wollen, das er daraufhin ausstieß. Zugleich blickte er sein Herrchen vorwurfsvoll an...
„Sssch, Dicker.“ Orlando legte dem Hund den Zeigefinger auf die Schnauze und deutete ihm so an still zu sein. „Du willst Wanda doch nicht aufwecken, oder...?“
Sidi gab ein Winseln von sich und sprang auf den Boden. Mit zwei, drei großen Hopsern war er bei der Wohnungstür angekommen und scharrte mit der Pfote an der alten Tür. Als diese sich nicht wie gewünscht öffnete, drehte er sich zu seinem Herrchen um und blickte diesen vorwurfsvoll an. ‚Will raus! Los, los!’ schien sein Blick zu sagen.
„Gemach, gemach.“ Orlando richtete sich auf und streckte sich. Ein lautes Gähnen entkam ihm, ehe er schließlich ein Bein über die Couch schwang und mühsam auf die Beine kam. „Brrz, kalt!“ Er schüttelte sich und griff schnell nach seiner Hose und seinem Pullover, die fein säuberlich gefaltet neben seiner Schlafstatt auf den Boden gelegen hatten. Auf einen Bein hopsend zog er sich anschließend erst die Hose und dann den Pulli über.
Ein Wimmern Sidis ließ ihn sich erneut zu seinem Hund umwenden. „Moment, Großer. Ich geh nur noch schnell ins Bad und schütte mir was Wasser ins Gesicht, okay?“ Während er dies sagte, steuerte er bereits das kleine Badezimmer an. Die Tür fiel hinter ihm leise ins Schloss...
-----------------------------------------
„Guten Morgen.“
„Morgen....“ Anastasia schenkte Orlando einen müden Blick. Ihre Haare hatte sie zu einem losen Knoten zusammengebunden, der jederzeit in Begriff schien sich aufzulösen. Die junge Frau deckte gerade den Küchentisch, während sie zugleich ein Auge auf das Rührei gerichtet hatte.
„Sidi wollte unbedingt raus und da ich eh schon in der Eiseskälte war, habe ich direkt einmal Brötchen mitgebracht.“, erklärte er ihr und legte besagte Brötchentüte auf den Tisch ab. „Kann ich dir irgendwie helfen...?“, fragte er anschließend und blickte sie abwartend an.
„Du könntest Wanda wecken...“ Ana holte drei Teller aus einem Schrank hervor und stellte sie auf den Tisch ab. „Ich habe bereits in der Schule angerufen und sie entschuldigt. Der Arzt ist auch informiert.“ Marmelade, Nutella, Käse und Wurst folgte den Tellern. Dann wurden die Rühreier einmal umgedreht und beiseite gestellt.
„Kein Problem. So gut wie erledigt.“ Orlando schenkte ihr ein Lächeln und wandte sich dann um, um seinen Auftrag auszufüllen.
„Ach, Jonathan...?“ Der Brite wandte sich wieder um und schenkte Ana einen fragenden Blick. „Wie...wie soll ich dich denn nun nennen?“ Ihr Blick spiegelte Unsicherheit wieder. „Orlando oder Jonathan...?“
Der Gefragte zuckte mit den Schultern. „Das ist mir eigentlich egal. Nenne mich ruhig, wie du willst.“ Er zuckte erneut mit den Schultern. „Ich weiß ja so oder so, dass ich angesprochen bin.“
„Ah, okay...“ Seine Worte schienen der jungen Deutsch nicht wirklich weiterzuhelfen, denn nach wie vor schaute sie verunsichert aus.
„Bleiben wir beim Jonathan, okay...?“, schlug da Orlando vor und ging dann zu einem anderen Thema über: „Ich schaue jetzt nach Wanda...“
---------------------------------------------
„Kleines...“ Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulter, schüttelte sie. Erst sachte, dann drängender. „Hey, Kleines....“ Eine Gestalt beugte sich über sie. Warmer Atem streifte ihre Wange und Haarspitzen kitzelten ihre Haut. „Aufwachen, Liebes. Der Morgen lockt...“ Fingerspitzen fuhren ihr ganz sachte, einer streichelnden Feder gleich, über die Wange.
Ein missmutiger Laut entkam ihrer Kehle. Der Schlaf klammerte sich mit sanften, aber festen Griff an sie, schien nicht gewillt, sie gehen zu lassen. Müde drückte sie ihren kleinen Kopf in ein Kissen und zog die Beine an die Brust.
„Wanda...“ Ein leises Lachen ertönte. Ganz sachte und sanft. Dann wurde ihr fast spielerisch ein Stückchen der wärmenden Decke entzogen. Ihre Schultern lagen entblößt da, der winterlichen Kälte wehrlos ausgesetzt.
Ein erneuter missmutiger Laut ertönte. Dieses Mal glich er einem Donnergrollen. „Willsch nesch.“ Ihre Wange schmiegte sie an das samtene Kissen und die kleinen Äuglein wurden nur noch fester zugepresst, verschlossen sich vor der Realität...
Jemand zog ihre Decke noch ein Stückchen weiter runter. Der Saum kam oberhalb ihrer Taille zu liegen. „Lasch misch...“ Die kleinen Hände klammerten sich um die Decke und zogen sie wieder soweit empor, dass von dem kleinen Gesichtchen nur noch die wirren Haare zu sehen waren.
„Wanda, du musst aufstehen...“ Ein helles Lachen ertönte. „Komm, Kleines. Deine Tante wartet auf dich.“ Vorsichtig entwand jemand ihren Händen die Decke. Ganz sachte löste er Finger für Finger. Eine der kleinen Hände hielt er anschließend in seiner eigenen. Große, männliche Finger schlossen sich um kleine, kindliche. Er übte leichten Druck auf die andere, so viel kleinere Hand aus. „Komm, Kleines. Wir wollen frühstücken...“
„Wir?“ Ein Gähnen ertönte, es zog das Ende des Wortes alberne in die Länge.
„Ja, deine Tante und ich.“, erklärte der Fremde, während er dem Mädchen mit der freien Hand über den Schopf strich. Immer und immer wieder. Ganz sanft und vorsichtig.
„Du...?“ Das Mädchen richtete sich ganz langsam auf seine Ellbogen auf, rieb sich dann die müden und vom Schlaf verklebten Augen. Die schmerzend helle Sonne ließ sie blinzeln und die Augen fest zusammen kneifen. Ihre Umwelt nahm sie nur als grobe Umrisse und Schatten wahr.
„Ja, ich...“ Liebevoll wurden ihr die Haare zerstrubbelt. „Und nu...“
Diese Stimme kam dem Mädchen seltsam bekannt vor. Irgendetwas Vertrautes lag in ihr. Ein Akzent der so typisch war für....für....„Jonathan!“ Mit einem Schlag war Wanda hellwach. Sie rappelte sich auf und fiel ihrem großen Freund lachend um den Hals. Ihr kleines Gesicht drückte sie glückselig an die Brust des Briten.
„Na...? Bist du nun endlich auch einmal wach...?“ Orlando stieß ein Lachen aus und zerstrubbelte Wanda das Haar erneut. Inzwischen stand es wirr von allen Seiten ab.
„Mmh.“ Wandas kleine Hände umfassten den groben Stoff des Wollpullis fester. Tief atmete sie den ihr vertrauten Geruch ein. Sie stieß ein zufriedenes Seufzen aus.
„Na, na!“, beschwerte sich da Orlando. „Das klingt mir aber nicht sonderlich wach.“ Sprach’s und stand mit Wanda im Arm auf. „Na komm, wir gehen jetzt zu deiner Tante und frühstücken schön nett...“
------------------------------------------------------
Am Frühstückstisch herrschte behagliches Schweigen. Jeder genoss es einfach in sein Marmeladen-, Nutella- oder Käsebrötchen zu beißen und den Bissen mit heißer Schokolade oder Tee nachzuspülen. Hin und wieder gab Sidi ein Wimmern von sich oder wackelte ganz besonders energisch mit dem Schwanz, um vielleicht doch noch einen Happen Wurst abzubekommen. Orlando blieb jedoch eisern und selbst Wanda schien viel zu sehr damit beschäftigt zu sein ihren Freund immer wieder einen fröhlichen Blick zu schenken.
Erst nachdem der erste quälende Hunger gestillt war – sie hatten immerhin nicht zu Abend gegessen – kam ein Gespräch auf...
„Duhu, Jonathan?“ Wanda hatte ihren typischen Frageton aufgesetzt. Ihre Stimme schwankte irgendwo zwischen einem Flehen und einem Drängen.
„Mmh? Was ist, Liebes...?“ Orlando wandte sich aufmerksam zu dem Mädchen um. Dann nahm er einen weiteren Bissen von seinen Brötchen und tätschelte Sidi tröstend den Kopf, der inzwischen in ein beleidigtes Schmollen verfallen war.
„Schläfst du jetzt jede Nacht bei Ana im Bett...?“
Schlagartig hielten die Deutsche und der Brite im Kauen inne und eine bleierne Stille legte sich über das Zimmer...
„Was...?!“ Ein ungläubiger Schrei entkam Anas Kehle und prompt verschluckte sich die junge Frau an ihren Brötchen. Sie begann zu husten und nach Luft zu schnappen. Ihr Oberkörper krümmte sich. Erst als der Hustenreiz abebbte, schaffte sie es schließlich zu fragen: „Wie kommst du denn auf den Unsinn...?!“
Wanda zuckte mit den Schultern. „Nja, wenn Basti bei uns war, dann hat er doch auch immer bei dir geschlafen!“ Das kleine Mädchen nickte mehrmals energisch mit dem Kopf. Die blonden Locken wippten dabei lustig auf und ab. „Du meintest zwar, dass er nur auf der Couch geschlafen hat, aber ich weiß ganz genau,...“ Die letzten Worte betonte das Mädchen ganz besonders energisch. „...dass er dort nicht war!“
Schlagartig errötete Anastasia. Die junge Frau fuhr sich unangenehm berührt durch die Haare und senkte beschämt den Kopf. Orlando konnte sich indes nur mühsam ein Lachen verkneifen. Wie schlau und listig Wanda doch war!
„Das...das war was ganz anderes!“, behauptete Ana schließlich mit Nachdruck, während sie ihrer Nichte einen finsteren Blick schenkte. „Basti und ich...wir...wir waren...“
„Ja...?“ Unwillkürlich war Wanda auf ihren Stuhl nach vorne gerutscht. Ihre Füße baumelten lustig in der Luft und ihre Augen strahlten pure Neugierde aus.
„Wir waren...“ Anastasia stieß ein Schnaufen aus. „Sag mal, wieso rechtfertige ich mich hier eigentlich vor dir, Fräulein?!“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jonathan hat nur hier geschlafen, weil er sonst Sidi morgen früh hätte abholen müssen.“, erklärte sie dem Mädchen dann.
„Aha und wo hat er geschlafen...?“ Wanda klimperte dreist mit den Augen und ließ ihren Blick zwischen Ana und Orlando hin und her schweifen. Um die Mundwinkel trug sie ein eindeutig unverschämtes Lächeln.
„Ich habe auf der Couch geschlafen, Kleines.“, mischte sich da erstmals Orlando in das Gespräch ein. Der junge Brite hatte den regen Austausch zwischen Tante und Nichte mit einem breiten Lächeln auf den Lippen verfolgt. Vielleicht hatte Johnny ja Recht und Wanda sehnte sich tatsächlich nach einem Vater....
„Ah ja und das soll ich euch abkaufen?!“ Wanda stieß ein Schnaufen aus und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Nase hielt sie besserwisserisch in die Luft gereckt. „Ihr könnt mir ruhig dir Wahrheit erzählen. Ich weiß, wie das mit dem Bienchen und Blümchen ist!“ Ein energisches Nicken seitens Wanda und ein Erröten seitens der Erwachsenen erfolgten.
„Wanda!“ Anastasia war schlagartig blass geworden. „Also wirklich! Du...du kannst doch nicht...“ Hilflos hielt sie im Reden inne und ließ ihren Kopf auf ihre Hände sinken. Ihrer Kehle entrang sich ein verzweifeltes Seufzen. „Was habe ich mir bloß mit dir angetan, mmh?! Ich hätte so ein wunderbares Singleleben führen können, aber nein...ich musste ja unbedingt Mutter spielen!“ Ganz sachte schüttelte die Deutsche ihren Kopf.
Einige Sekunden herrschte betretene Stille in der Küche, dann raffte sich Ana auf. „Hör zu Wanda.“ Sie blickte dem Mädchen direkt in die Augen. Ihre Stimme klang entschlossen. „Ich habe nichts mit Jonathan, okay? Wir haben beide in getrennten Betten geschlafen.“ Orlando bestätigte ihre Worte mit einem Nicken.
Wanda indes stieß ein Seufzen aus und zuckte nachgebend mit den Schultern. „Na gut.“ Mürrisch klang ihre Stimme als sie diese Worte von sich gab. „Von mir aus.“ Sie stieß ein Schnaufen aus. „Bekomm ich eben keinen tollen Papa und kein Brüderchen und keinen Hund und kei...“
„Wanda...!“
---------------------------------------------------------------------------
-----------------
Hast du noch Zeit für ein Review?
---------------------------------------------------------------------------
----------------
|
|
15.03.2009 18:40 |
|
|
grassolini

Foren As
   
Dabei seit: 26.06.2008
Beiträge: 76
Herkunft: Bayern
Level: 23 [?]
Erfahrungspunkte: 61.188
Nächster Level: 62.494
 |
|
schöööööööööön. vorerst alles wieder gut. Da bin ich ja beruhigt.
Abi ist auch genehmigt! ... ausnahmsweise,weil du es bist.
|
|
17.03.2009 12:37 |
|
|
Jin

Doppel-As
Dabei seit: 21.05.2008
Beiträge: 115
Herkunft: NRW
Level: 25 [?]
Erfahrungspunkte: 96.724
Nächster Level: 100.000
Themenstarter
 |
|
Kapitel 35: Beim Arzt
-----------------------------------------
@Grassolini: Abi ist genehmigt? *lachz* Zu gütig *verbeugt und deine Füße küsst* Habt vielen, vielen Dank, Herrin! *gg* Aber um zum Kapitel zurück zukommen: Ja, alles wieder gut. Zumindest vorläufig und das ist ja auch schon etwas, auch wenn ich dir an dieser Stelle schon einmal versichern kann und werde, dass das definitiv nicht so bleiben wird *g* Ohne ein bisschen Abwechslung und ein paar Hoch und Tiefs wäre die Geschichte ja schließlich sterbenslangweilig
Dank für dein Review, Jin
-------------------------------------------
Der Warteraum quoll geradezu über, denn halb London schien sich in der kleinen Praxis von Dr. Phill versammelt zu haben. Lachende Kinder saßen neben weinenden, glückliche neben ängstlichen, währe nd ihre Mütter die Ruhe in Person waren. Sie hielten Schwätzchen, hatten zugleich ein aufmerksames Auge auf ihre Kinder und griffen ein, sobald etwas schief zu gehen drohte. Orlando fühlte sich fehl an diesem Ort, an dem er der einzige Mann war. Die zugleichermaßen erstaunten wie überraschenderweise auch feindlichen Blicke ließen ihn unbehaglich mit den Füßen scharren...
Quälend langsam leerte sich der Raum erst, um kurz darauf wieder mit einer neuen Welle frischer Patienten gefüllt zu werden. Von Terminen schien der gute Dr. Phill nicht allzu viel zu halten, denn obwohl sie für Punkt neun Uhr einen gehabt hatten, war es inzwischen schon viertel vor zehn. Zudem schien manch ein Patient bereits länger als sie zu warten...
„Gott, ist es hier immer so voll...?!“ Orlando stieß ein Seufzen aus. Er war seinen guten Hausarzt gewöhnt, der nicht nur kompetent und freundlich, sondern auch äußerst zeitbewusst war. Bei ihm hatte er noch nie warten müssen. Nicht einmal eine einzige Minute.
Der junge Brite rieb sich den schmerzenden Kopf. Das Gekreische und Gelächter, das stetige Wimmern und Jammern zerrte an seinen Nerven. Zudem hatte sich ein circa einjähriger Junge ihn wohl als Gehhilfe auserkoren, denn er versuchte sich immer wieder an seinem linken Hosenbein hochzuziehen. Freileich versaute er dabei mit seinen schokoverschmierten Händen seine ehemals beige Hose, die alles andere als billig gewesen war. Jedweder Versuch wiederum den Kleinen von seinen Gehversuchen abzubringen, hatte ihm zudem finstere Blicke von den versammelten Müttern eingebracht, die denen seiner eigene gestrengen Mutter auf das trefflichsten glichen. Die Mutter des Kleinen missachtete ihn indes königlich.
„Geht es dir gut...?“ Anastasia schenkte ihm einen besorgten Blick und legte ihm fürsorglich eine Hand auf die Schulter. „Willst du nicht lieber gehen...?“
„Nein, nein. Es geht schon.“, beschwichtigte Orlando sie. „Ich hab es Wanda ja versprochen...“ Er schenkte erst seiner Sitznachbarin einen leidenden Blick und ließ diesen dann anschließend zu Wanda gleiten, die sich königlich mit einem Jungen in ihren Alter amüsierte. Die beiden Kinder nahmen keine Notiz von ihnen...
„Du musst aber wirklich nicht bleiben.“, bot ihm Ana an. Sie deutete mit einem Nicken auf ihre Nichte. „Wanda ist ja eh beschäftigt und wird es nicht mitbekommen.“ Aber wie auf ein Stichwort hin, drehte sich Besagte zu ihnen um und schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln gefolgt von einem fröhlichen Winken.
Orlando entlockte dies ein amüsiertes Schnaufen. „Ich seh’s.“ Kurz schwieg er, dann fügte er dem noch hinzu: „Es geht mir wirklich gut. Ist vielleicht ein bisschen laut...“ Ein schiefes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. „...und chaotisch hier, aber es geht schon...“ Er zuckte mit den Schultern.
„Ja, das ist wohl...“ Anastasia suchte nach den Worten, zuckte dann ebenfalls mit den Schultern. „....nur für Frauen aushaltbar.“ Sie stieß ein Kichern aus. „Schau dir nur die alte Vettel da gegenüber an. Sie blickt mich schon die ganze Zeit neidisch an!“
„Ach echt?“ Orlando beobachtete besagte Frau interessiert. Tatsächlich! Da lag eindeutig Neid im Blick der etwa Vierzigjährigen.
„Jupsa, sie scheint mich um meinen tollen Mann zu beneiden.“ Anastasia zwinkerte Orlando vergnügt zu. „Ihr Mann kehrt dem Haus sicherlich jeden Morgen um Punkt sieben den Rücken und kehrt erst spät abends zurück.“, mutmaßte sie dann und verzog die Lippen zu einen schiefen Grinsen.
„Deinen tollen Mann...?“ Orlando schüttelte amüsiert den Kopf. „Ich wusste ja noch gar nicht, dass wir bereits verheiratet sind, Schatz!“ Das ‚Schatz’ betonte er ganz ironisch.
„Honigbärchen du willst mir doch nicht wirklich sagen, dass du unsere Hochzeit vergessen hast?!“ Gespielt empört stemmte Ana ihre Hände in die Hüften, während Orlando mit einem gespielt zerknirschten Gesichtsausdruck auf das Spiel einging: „Welche denn...? Die auf Hawaii oder...“
„Die im Westminister!“ Ana stieß ein gespielt beleidigtes Schnaufen aus und legte sich symbolisch die Hand über das schmerzende Herz. „Du enttäuschst mich, Schnuckipuppi!“
Noch eine Sekunde schafften sie es ihre Rolle aufrecht zu erhalten, dann verfielen sie aber schon in lautes Gelächter. Anastasia liefen gar ein paar Tränen über die Wangen und sie schnappte zwischen den einzelnen Lachanfällen hektisch nach Luft.
„Das war...“, fing Orlando schließlich anzusprechen. „...klasse!“
„Jupsa!“ Beide sahen sich an. Um ihre Lippen lag ein Lächeln, ihre Augen strahlten.
----------------------------------------------------
„Duhu Jonathan...?“ Wanda war sie herangetreten. Das Mädchen blickte ihn bittend an, obwohl sie noch keine wirkliche Forderung formuliert hatte.
Orlando erwiderte den Blick. „Was ist denn, Kleines...? Tut dir das Bein weh?“ Tatsächlich war Wandas Knöchel über Nacht noch farbenprächtiger geworden und sogar noch ein Stückchen angeschwollen. Das Mädchen konnte kaum auftreten und verzog hin und wieder bei einer abrupten Bewegung das Gesicht...
„Kannst du mir nicht eine Geschichte erzählen...?“ Der flehende Blick wurde, wenn das denn überhaupt noch ging, noch intensiver und die Unterlippe zudem leicht schmollend vorgeschoben, während die Stimme einen quengeligen Ton annahm.
„Eine Geschichte...?“ Orlando lehnte sich zurück und runzelte nachdenklich die Stirn. „Was denn für eine?“ Abwarten blickte er das Mädchen an.
Wanda wiederum zuckte mit den Schultern. „Irgendeine!“ Sie deutete mit einem Nicken zu ihrem Spielkameraden. „Ich hab Jean erzählt, dass du super, super gute Geschichten erzählen kannst und...und weißt du ihm wurde noch nie eine Geschichte erzählt!“ Wandas Stimme klang sowohl erstaunt wie auch empört. „Ich mein, was soll das denn?!“ Sie stemmte sich ihre Hände in die Hüfte und verzog die Lippen zu einem schmalen Streifen. „Stell dir das doch nur einmal vor! Das wäre ja absolut schrecklich!“
„Öhm...“ Orlando musste mehrmals mit den Augen blinzeln. Schließlich überwand er sein Erstaunen und fuhr fort mit dem Sprechen: „Oh, also dann...dann sollten wir das mal ändern, nicht?“ Er richtete sich auf und hielt Wanda eine Hand entgegen. „Komm, ich helfe dir...“
----------------------------------------------
„Vor langer, langer Zeit lebte in einer Welt, die unserer gar nicht so unähnlich und doch so unendlich anders ist als unsere, eine Maus.“, begann Orlando seine Geschichte zu erzählen. „Aber es war nicht irgendeine Maus. Oh nein! Diese Maus war etwas ganz Besonderes...!“ Er nickte bedächtig mit dem Kopf. Seine Stimme drückte Respekt und Anerkennung aus, unterstrich das Gesagte nochmals in seiner Aussage.
„Diese Maus hegte einen Traum, einen großen Traum. Alles würde sie tun, um diesen zu erfüllen. Alles und noch viel, viel mehr.“ Er stupste Wandas Nase an und zerwuschelte dem Mädchen freundschaftlich das Haar. Jean und sie lauschten seiner Geschichte aufmerksam. Orlando jedoch verfiel ins Schweigen. Nur mühsam konnte er sich ein Lächeln verkneifen, als er bemerkte, wie die beiden Kinder nur mühsam ihre Ungeduld zügeln konnten.
Schließlich jedoch wurde es Wanda zu fiel. „Und...?! Was wollte sie denn nun werden?!“, platzt es aus ihr heraus. Unbewusst war das Mädchen näher an ihren großen Freund heran gerutscht.
„Ratet!“, forderte der Brite die Kinder wiederum auf, während er sich entspannt zurücklehnte. Sie hatten sich im Schneidersitz auf den Boden niedergelassen. Um sie tobten die Kinder unbeeindruckt weiter, schrieen laut und jagten einander durch die Gegend.
„Das ist unfair!“ Wanda verzog ihre Lippen zu einem Schmollen und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Immer steigerst du erst die Spannung ins Unermesslich und schweigst anschließend!“ Sie schenkte ihrem großen Freund einen finsteren Blick.
„Tja, wenn du wissen willst, wie es weitergeht, dann rate einfach.“, entgegnete Orlando ihr ungerührt, während er ihr neckend die Zunge rausstreckte und sich zugleich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. „Los, ich will eure Köpfe rauchen sehen!“, forderte er sie munter auf und stupste Wanda auffordernd an.
Diese wiederum stieß zwar nochmals ein finsteres Grummeln aus, ging dann aber doch noch auf das Spiel Orlandos ein. „Mmh, vielleicht wollte sie ja zum Präsidenten der Mäusevereinigung werden.“, schlug sie vor und nachdem sie sich den Gedanken nochmals auf der Zunge hatte zergehen lassen, nickte sie mehrmals energisch mit dem Kopf. „Oh ja! Das wollte sie ganz bestimmt werden!“
„Quatsch!“ Jean, der bisher ehrfürchtig schweigend zugehört hatte, schüttelte protestierend den Kopf. „Das stimmt doch gar nicht! Die Maus wollte Koch werden!“, behauptete der schüchterne, braunhaarige Junge von kaum sechs Jahren.
„Koch...?!“ Wanda stieß ein abfälliges Schnaufen aus. „Wieso bitteschön sollte eine Maus Koch werden?!“
„Na, weil...weil...“ Jean geriet ins Stottern und wand sich unruhig unter den Blick Wandas.
„Weil Rémy auch Koch werden wollten!“ Wanda und Jean wandten sich erstaunt um. Ihnen gegenüber stand ein circa achtjähriges Mädchen, mit einer dicken Hornbrille und lustigen Pippilangstrumpfzöpfen. „Aber er wollte nicht irgendein Koch werden. Er wollte der allerbeste werden!“, setzte die Brillenträgerin dem noch ernst hinzu. Sie nickte bei diesen Worten mehrmals energisch.
„Rémy...? Wer soll denn bitteschön Rémy sein?!“ Wanda schien nach wie vor nicht allzu überzeugt zu sein von Jeans Idee, auch wenn dieser inzwischen Rückendeckung von einer weiteren Person bekam.
„Na Rémy aus Ratatouille.“ Das rothaarige Mädchen verdrehte die Augen. „Den kennt doch jedes Kind!“, setzte sie dem noch hinzu, was Jean ein zustimmendes Nicken und ein ‚Oh ja!’ entlockte.
„Also ich kenne ihn nicht.“ Wanda reckte ihr Näschen hoheitlich in die Höhe. „So wichtig kann er also nicht sein...“
„Gar ni...“
„Also ich bin dafür, dass die Maus Arzt werden wollte.“ Ein blasser, kränklich aussehender Junge hatte gesprochen. Unbemerkt von den sich streitenden Kindern hatte er sich zu ihnen gesetzt. Er war ganz dünn und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Die zahlreichen Einstiche von Spritzen zeigten Orlando, dass der Junge wohl schon öfters beim Arzt gewesen war und dort nicht unbedingt angenehme Stunden verbracht hatte. „Ärzte sind toll.“, fügte der Kleine dem noch hinzu. „Sie helfen den Menschen, wenn es ihnen schlecht geht.“ Schüchtern lächelte er anschließend in die Runde.
„Nja, ich weiß nicht... Koch klingt ja nicht schlecht und Arzt ist so olala, aber es überzeugt mich auch nicht.“ Die Achtjährige ließ sich in ihrer geselligen Runde nieder. Nachdenklich legte sie sich ihren Zeigefinger an das Kinn. „Ich glaube ja, dass die Maus etwas ganz anderes werden wollte. Etwas ganz großartiges.“
„Ach ne!“ Wanda stieß ein Schnaufen aus. „Das hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht! Ich mein, wer will schließlich schon eine Geschichte über eine Maus hören, die unbedingt Müllmann werden wollte?!“ Besserwisserisch sah sie die Ältere an.
„Ach ja?!“ Beide musterten sich finster und das Ganze wäre wohl in einen handfesten Streit ausgeartet, wenn nicht Orlando gewesen wäre. „Gute Ideen habt ihr, Kinder.“, lobte er die Kleinen. „Aber keine von ihnen trifft zu!“ Er legte eine spannungssteigernde Pause an, blickte jedes Kind der Reihe nach direkt an.
„Die Maus wollte nicht Koch werden, auch wenn Köche gut für die Seele der Menschen sind, sie wollte auch nicht Arzt werden, auch wenn Ärzte wunderbare Menschen sind, die viel Gutes tun...“ Orlando schüttelte ganz sachte den Kopf. „...und auch Präsident wollte sie nicht werden, auch wenn ein Land ohne Führung im Chaos versinkt.“ Erneutes Schweigen. Dieses Mal fiel es nur kurz aus.
„Die Maus wollte schlichtweg ein Ritter werden.“ Stille. Um sie Chaos...
„Ein Ritter?!“ Wanda blinzelte ungläubig und auch die anderen Kinder schienen sichtlich erstaunt.
Orlando jedoch nickte nur bedeutungsschwanger. „Ja, ein Ritter, denn Ritter beschützen die Armen und Wehrlosen, sie befreien holde Jungfrauen in der Not und besiegen feuerspeiende Drachen, die Tod und Vernichtung bringen!“ Bewunderung klang in Orlandos Stimme mit, Bewunderung und Anerkennung. Um seine Lippen spielte ein träumerisches Lächeln, ganz so als ob auch er am liebsten das Schwert ergreifen würde und sich ins Getümmel stürzen wollte.
„Aber...oh weh!“, fuhr er mit seiner Geschichte fort. „Die arme Maus war zu klein.“ Traurig blickte Orlando die Kinder an, die seinen Blick ebenso betroffen erwiderten. „Die Gesetze des heiligen Strumpfbandordens sahen es vor, dass kein Mann, der kleiner als einen Meter, noch irgendeine Frau oder gar ein Nichtadeliger zum Ritter erkoren wurde.“, erklärte er mit eiserner Miene die gestrengen Regeln des alten Ordens.
„Für die Maus drohte der Traum zu platzen. Sie steckte in einer Sackgasse. Über ihr türmten sich die Mauern, düster, hoch, einengend.“ Orlandos Stimme hatte etwas Drohendes angenommen, ein tiefes Grollen schwang in ihr mit, etwas Gefährliches und Lauerndes. „Hinter ihr war nichts als ein endloser Weg und auch in Richtung Norden harrte ihr nur die Unendlichkeit. Die Unendlichkeit und endlose Mauern, endlose Düsternis, endlose Enge...“
Orlando hatte sich zu den Kindern nach vorne gebeugt. Ganz langsam ließ er seine Hände zu Boden sinken, die zuvor noch so lebhaft seine Worte unterstrichen hatten. Sie kamen auf den Boden zu Ruh, verharrten reglos. Er hielt seinen Kopf gesenkt. Seine Haare fielen ihm ins Gesicht...
Und um ihn da saßen die Kinder. Atemlos hielten sie den Atem an, waren unwillkürlich näher zu ihm gerückt, hielten sich gar teilweise an den Händen. Ein Hauch von Anspannung und Erwartung lag in der Luft...
„Oh weh, oh weh...“, wehleidete Orlando, dessen Kehle sich ein Seufzen entrang. Ganz langsam blickte er wieder auf, schaute die Kinder aus unendlichen traurigen, verzweifelten Augen an. Eines nach dem anderen. Erst Wanda, dann Juan, dann das vorwitzige achtjährige Mädchen, dann den blassen Jungen. „Oh weh...“, wiederholte er nochmals sein Worte. „Oh weh, was für eine Hiobsbotschaft...“
Mit einem Seufzen ließ er seinen Kopf gegen die Wand sinken, stieß ein erneutes Seufzen aus und schloss die müden Augen. „Wer weiß schon, was in diesem Moment in der armen, kleinen Maus vorging. Wer weiß es schon..? Da mochte Kummer gewesen sein und vielleicht auch eine Prise Zorn, da mochte Leid vorgeherrscht haben, aber sicherlich auch Unverständnis.“
Orlando befeuchtete sich die Lippen. „Ah, die Verzweiflung musste unendlich groß gewesen sein...so groß, so groß...“ Und mit jedem weiteren Wort verlor seine Stimme an Lautstärke, bis sie letztendlich nur noch einem Flüstern glich, einen sanften Nachhall in der Stille. „Aber....“ Und hier war nun endlich die Wendung in der Geschichte zu erkennen, denn ein erster Funke von...Hoffnung und Zuversicht klang in seiner Stimme. „Aber hier an dieser Stelle nun, mit dieser Gewissheit, da keimte eine neue Kraft in der Maus auf. Sie war wie eine Blume, deren Knospe sich entfaltete, wie ein Schmetterling, der sich aus den Kokon befreit...“
Orlando blickte die Kinder direkt an. Einen jeden von ihnen, schien keinen zu vernachlässigen. „Und diese Kraft ließ ihn aufbegehren...aufbegehren gegen diese gemeinen Gesetze! Er ging zum Ordensmeister. Stolz und voller Tatenkraft. Er schritt beinahe einher. Sein Mut glich einen wehenden Banner, war ungebändigt und frei...“
Und Orlando erzählte und erzählte...und die Kinder lauschten ihm. Erst waren es nur Wanda und Jean gewesen, dann das freche Mädchen und der blasse Junge, dann der schokoverschmierte Zweijährige, dann die neunmalkluge Zwölfjährige und dann...dann letztendlich sie alle. Ein jedes Kind, das sich zu diesem Zeitpunkt in der Praxis von Doktor Phill befand.
---------------------------------------------------------------------
Hast du noch Zeit für ein Review?
-----------------------------------------------------------------
|
|
22.03.2009 21:56 |
|
|
grassolini

Foren As
   
Dabei seit: 26.06.2008
Beiträge: 76
Herkunft: Bayern
Level: 23 [?]
Erfahrungspunkte: 61.188
Nächster Level: 62.494
 |
|
Der mann zieht wohl nicht nur Frauen in seinen Bann.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Mit mann und Maus
|
|
23.03.2009 14:09 |
|
|
Jin

Doppel-As
Dabei seit: 21.05.2008
Beiträge: 115
Herkunft: NRW
Level: 25 [?]
Erfahrungspunkte: 96.724
Nächster Level: 100.000
Themenstarter
 |
|
Kapitel 36: Der Abschied
------------------------------------------
@Grassolini: Jupsa! Da hast du definitiv Recht *gg* Orlando versteht es einfach seine Umwelt in seinen Bann zu ziehen
Auch Kinder sind dabei natürlich selbstredend nicht außen vor *gg* Wie es weiter geht, wirst du ja nun sehen...Wünsche dir viel Spaß beim Lesen!
----------------------------------------
Es schneite. Kleine, weiße Flocken rieselten vom wolkenverhangenen Himmel hinab und eine hauchdünne Schicht Weiß hatte sich über die Dächer und Straßen von London gelegt. Der Atem stand einen in weißen Schwaden vor dem Mund und ein leichter Wind ging, ganz sachte nur.
Es war seltsam still geworden in London, denn der hektische Morgenverkehr war einer nur zaghaften Betriebsamkeit gewichen. Kein Fußgänger war auf den Straßen auszumachen und die U-Bahnen waren einmal nicht verstopft und völlig überlaufen.
Noch war es zu früh für die eifrigen Weihnachtsshopper, die stets um die Weihnachtszeit in die britische Hauptstadt einfielen. Erst am späten Nachmittag würden die Straßen wieder an Lebendigkeit gewinnen, würde das Chaos wieder in London herrschen.
„Sidi!“, ertönte es auf einmal laut durch die leeren Straßen. „Sidi, nicht weglaufen!“ Wanda hastete hinter dem Rüden her, der unbeeindruckt von ihren Rufen weiter voran stürmte und nur hier und dort kurz stehen blieb, um an einen Schild oder einer Hauswand zu schnüffeln. Immer dann, wenn der Hund eine ganz besonders interessante Stelle entdeckte, stieß er ein Bellen aus und wackelten nur noch hektischer mit seinen Schwanz.
„Sidi, komm her!“ Fast hatte Wanda den Hund erreicht, als dieser sich plötzlich umwandte und wieder zu den feuerroten Hydranten zurücktänzelte, an dem er kurz zuvor schon geschnüffelt hatte. Seine Schnauze hielt er dabei dicht am Boden und am gesuchten Hydranten angekommen, hob er flink das Bein, um der reizenden Hündin eine Botschaft zu hinterlassen.
„Sidi!“ Inzwischen schwang in Wandas Stimme eine gehörige Portion Ärger mit. Das Mädchen hatte sich die Hände in die Hüften gestemmt und presste ihre Lippen so fest zusammen, das sie bald blutleer waren. „Jonathan, dein doofer Hund gehorcht nicht!“, wandte sie sich dann an ihren großen Freund, der in Begleitung von Ana gemütlich hinter ihr herschlenderte.
Der Angesprochene stieß indes ein Lachen aus, das von einem Kopfschütteln begleitet wurde. „Stimmt doch gar nicht, Kleines! Sidi ist sehr wohl erzogen!“, widersprach er dem Mädchen und wie um seine Ehre noch zusätzlich zu verteidigen, verlangte er danach prompt: „Sidi, komm her!“ Und Sidi? Sidi blickte erst zu ihm auf, ließ seinen Blick dann wieder zu seinem heißgeliebten Hydranten wandern und senkte dann den Kopf. Ganz langsam trottete er anschließend zu seinem Herrchen, an dessen Beine er sich vertrauensselig schmiegte. ´Hier bin und nun will ich auch eine Belohnung´ schien sein anschließender Blick zu sagen. Diese erfolgte auch prompt in Form von einem anerkennenden Lob und den obligatorischen Streicheln.
„Siehst du?“, wandte sich Orlando an Wanda. „Er ist ganz lieb...“ Er schenkte dem Mädchen einen besserwisserischen Blick.
„Tzä!“ Wanda streckte ihm die Zunge heraus und hielt arrogant die Nase empor gereckt. „Das hat er jetzt extra gemacht, um mich zu ärgern!“
„Na wenn du meinst.“ Der junge Schauspieler zuckte mit den Schultern und wandte sich dann an Ana, mit der er zuvor ein Gespräch über deutsches Essen geführt hatte. „Ich mag Ap...Apfelstru...“ Orlando hatte hörbare Schwierigkeiten damit das deutsche Wort auch nur halbwegs auszusprechen, denn der Apfel wurde bei ihm zu irgendeiner Mischung zwischen dem britischen Apple und einen F, das sich irgendwie dazwischen geschlichen hatte. Von den Strudel an sich ganz zu schweigen...!
„Apfelstrudel.“, sprang Ana helfend ein. Die junge Deutsche stieß ein helles Lachen aus.
„Ja genau, den mag ich sehr gerne!“ Orlando unterstrich seine Worte mit einem energischen Nicken. „Den habe ich damals in Düsseldorf gegessen. Mit einer Kugel Vanilleeis. Sehr lecker!“
„Ja, Apfelstrudel ist auch eine wirklich geniale Erfindung, aber du solltest definitiv einmal einen deutschen Sauerbraten essen!“ Bei der Erinnerung an diese rheinische Spezialität leckte sich Anastasia unbewusst mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Mit Apfelmus und Nudeln. Lecker!“
„Na wenn du freiwillig für mich kochen willst, sage ich nicht nein...“ Orlando streckte der Deutschen die Zunge heraus und betrachtete dann möglichst unschuldig seine Fingernägel. „Und als Nachtisch machst du mir den Apfeldingsda!“, fügte er dem noch herrisch hinzu, was ihm prompt einen Stoß in die Seite einbrachte. „Hey!“ Er verzog das Gesicht zu einer leidenden Miene. „Das tat weh!“
„Als ob!“ Anastasia stieß ein Schnaufen aus und schüttelte sachte den Kopf. „Manchmal bist du wirklich ein Kindskopf!“
Orlando schob seine Lippe schmollend vor. „Gar nicht wahr! Ich bin kein Kindskopf!“ Empört stemmte er sich die Linke in die Hüfte und reckte sein Kinn besserwisserisch nach vorne.
„Ach ja?! Willst du mir etwa sagen, dass dein jetziges Verhalten einen Erwachsenen widerspiegelt?!“ Ana stieß ein Schnaufen aus und verdrehte die Augen.
„Na das i...“, wollte sich der Brite schon verteidigen, als ihm eine andere Person ins Wort fiel: „Ihr seid beide Kindsköpfe.“ Ein Schnaufen folgte diesen Worten. „Würde man euch in den Kindergarten stecken, würdet ihr euch wohlmöglich noch wohl fühlen!“ Wanda war mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihnen stehen geblieben und schüttelte langsam ihren Kopf. Aus ihrer Stimme und ihrer Haltung sprach Verärgerung. „Und jetzt beeilt euch ein bisschen mehr! Ich will unbedingt noch vor Pausenende in der Schule sein, um Cathy, Iris und Wendy Sidi zu zeigen.“ Ein Funke von Vorfreude glomm in den Augen Wandas auf.
„Ja, ja...“ Ana stieß ein Seufzen aus. Wenn das so weiter ging, könnte jeder Fremde den Eindruck gewinnen, dass ihre Nichte diejenige war, die bei ihnen das sagen hatte...
------------------------------------------
„Pass auf dich auf Kleines, ja...?“ Orlando zerwuschelte die Haare seiner kleinen Freundin und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Natürlich hatten sie das Pausenende gerade so verpasst und nun, nachdem die Schulstunde bereits begonnen hatte, hatte es Wanda auf einmal nicht mehr ganz so schnell, denn sie zog es vor die Verabschiedung in die Länge zu ziehen...„Und sei lieb zu deiner Tante!“ Ein verschwörerisches Augenzwinkern folgte. „Wir wollen ja nicht, dass die arme Ana schon mit dreißig ihre ersten grauen Haare hat oder?!“
Wanda stieß ein helles Lachen aus. „Wollen wir nicht?!“ Sie ließ ihren Blick zu ihrer Tante blicken, die bei Orlandos Worten ein protestierendes ‚Hey!’ ausgestoßen hatte. „Vielleicht steht ihr ja Grau.“, vermutete das Mädchen dann dreist, was ihr einen finsteren Blick seitens Ana einbrachte.
Orlando indes schüttelte amüsiert seinen Kopf. „Wanda, Wanda...“ Ein Lächeln hatte sich auf sein Gesicht geschlichen. „Sei trotzdem lieb, ja?“ Wanda nickte bestätigend und hob in feierlicher Schwörgestik ihre Arme. „Gut dann bis....“ Er hielt im Sprechen inne und dachte kurz nach. „....bis zum zwanzigsten, ja?“
„Bis zum zwanzigsten?!“ Wanda schaute ihren großen Freund sprachlos an. Aus ihrer Stimme sprach pures Entsetzen. Ihre Augen hatten einen ungläubigen Zug angenommen.
„Ja Kleines, bis zum zwanzigsten.“ Orlando nickte bedächtig. „Ich bin jetzt erst einmal für drei Tage bei meiner Mum und dann geht es wieder in die USA, weißt du?“ Er legte dem Mädchen eine Hand auf die Schulter und übte leichten Druck auf diese aus. Sie sahen sich direkt an.
„Aber wieso denn so lange...?“ Wandas Gesicht verzog sich zu einer leidenden Miene. Ihre Augen hatten eine traurige Note angenommen. „Kannst du nicht einfach hier bleiben?“
Orlando schüttelte bedauernd seinen Kopf. „Nein, Kleines. Das geht leider nicht.“, erklärte er ihr. „Ich muss ein paar dringende Geschäfte in den USA wahrnehmen.“ Er stupste ihre Nase an. „Sei nicht traurig, ja? Du wirst sehen, dass die paar Tage ganz schnell vergehen werden!“
„Nein!“ Wanda verschränkte trotzig die Hände vor der Brust. „Das wird nicht schnell gehen!“
Der Brite stieß ein amüsiertes Lachen aus. „Na wenn du meinst.“ Er zerwuschelte ihr nochmals liebevoll die Haare. „Verabschiede dich noch von deiner Tante und dann ab mit dir, ja?“
Wanda gab ein widerwilliges Grummeln von sich und wandte sich von ihrem großen Freund ab. Von Ana verabschiedete sie sich rasch und knapp. Mehr als eine Umarmung war für die Deutsche nicht mehr drin nach dieser Hiobsbotschaft. Ohne sich noch einmal umzuwenden und unübersehbar schlecht gelaunt betrat das Mädchen schließlich die Schule. Orlando und Anastasia sahen ihr kopfschüttelnd hinterher...
„Letztendlich ist sie einfach noch ein Kind.“, sagte die junge Frau schließlich und zuckte mit den Schultern. „Sie wird schon darüber hinweg kommen und ehe sie sich versieht, wirst du auch schon wieder da sein.“ Sie schenkte Orlando ein schiefes Lächeln
„Mag sein.“, stimmte dieser ihr zu. „Trotzdem tut sie mir ein bisschen Leid.“ Ein Seufzen entrang sich seiner Kehle. „Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, dass sich jemand so sehr an mich klammert.“, erklärte er Anastasia, während sie den Gehweg entlang schlenderten. „Meine Mum hat schon vor langer Zeit aufgehört meine ganzen Reisen zu hinterfragen.“ Ein Schulternzucken und ein trauriges Seufzen erfolgten. „Sie wurden einfach zur Gewohnheit.“ Er tätschelte Sidi den Kopf, der sich kurz an ihn schmiegte und ihnen dann ein Stückchen voraus lief.
„Lass dir da bloß nichts von Wanda rein reden!“, warnte Ana den Briten. Sie kniff ihre Augen fest zusammen und musterte den jungen Mann misstrauisch von der Seite. „Sie schafft es jeden Schuldgefühle einzureden, obwohl es keinerlei Grund dafür gibt!“ Energisch nickte sie mit dem Kopf.
„Ach, aber....“
„Nichts aber!“, fiel Ana dem Schauspieler ins Wort. „Die Umstände lassen es nun einmal nicht zu, dass du in England bleibst und das muss Wanda lernen zu akzeptieren.“ Anastasias Stimme klang ernst. „Sie muss lernen, dass nicht gleich jeder springt, wenn sie spring sagt!“ Eindringlich sah sie ihrem Gegenüber an.
„Na gut.“ Orlando stieß ein Seufzen aus und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du hast ja letztendlich Recht.“ Er zuckte mit den Schultern. Beide schwiegen eine zeitlang. Sie gingen in ihre eigenen Gedanken versunken die Straße entlang. Anastasia schlang sich fröstelnd den Schal ein weiteres Mal um den Hals und vergrub ihre Hände in den Manteltaschen.
„Pass auf.“, unterbrach schließlich Orlando die Stille und blickte Ana direkt an. „Ich muss dir...“ Er stockte kurz, kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe. „Ich sollte dir noch was erklären.“, sagte er schließlich. Er blieb so vor der jungen Frau, dass auch diese verharren musste. Sie musste nun leicht zu ihm hoch schauen.
„Wegen den Fotographen...“, begann Orlando zu sprechen. „Du solltest am Besten in den nächsten Tag die nähere Umgebung meines Hauses nicht betreten. Außerdem wäre ein Parkbesuch auch eher...gefährlich.“ Er legte die Stirn in Falten. „Überhaupt solltest du dich eher unauffällig verhalten.“, beschwor er sie.
„So...?!“ Ana schenkte ihm einen missmutigen Blick. „Ich lass mir doch nicht von solchen Idioten vorschreiben, was ich tun und lassen kann!“ Sie verschränkte trotzig ihre Hände vor der Brust. „Ich gehe hin, wo ich hin will, kapiert?!“ Verärgert funkelte sie ihn an.
Orlando schüttelte jedoch, unbekümmert von diesem Blick, energisch den Kopf. „Das solltest du aber nicht tun.“ Er legte ihre eine Hand beruhigend auf die Schulter. „Verstehe mich nicht falsch, Ana. Ich weiß, dass du...dass du jemand bist, der sich nur ungern was vorschreiben lässt, der seine Freiheiten genießt.“ Er blickte sie eindringlich an. „Das verstehe ich wirklich, aber letztendlich wird es dir viel Ärger ersparen, wenn du nun ein bisschen Vorsicht walten lässt.“
Er schwieg kurz. Ließ den Worten Zeit zu wirken. „Der Reporter weiß deinen Namen nicht, ja er weiß quasi gar nichts über dich! Du musst versuchen diese Anonymität zu wahren, wenn du deine Ruhe haben willst.“
Nachdenklich geworden schwieg Ana. Dann stieß sie ein Seufzen aus. „Ich will doch nur meine Ruhe. Ist das denn zu viel verlangt...?“ Ein melancholischer Blick traf Orlando.
„Die wirst du auch haben. Keine Angst.“ Er schenkte ihr ein kleines Lächeln, das Ana ebenso hoffnungsvoll erwiderte. „Sei einfach vorsichtig, ja...?“ Ana nickte und langsam gingen sie weiter...
-----------------------------------------------------
Sie waren vor der Haustür angekommen und inzwischen war die Sonne einen grauen Wolkenschleier gewichen. Es war wärmer geworden. Der Schnee hatte zu schmelzen begonnen, glich vielerorts nur noch einem schmutzigen Brei.
„Also, pass auf dich auf, ja...?!“ Orlando schenkte Anastasia einen eindringlichen Blick. „Und nimm dir die Zeitungsartikel nicht so sehr zu herzen, okay...?“ Er schenkte der jungen Deutschen ein schiefes Grinsen. „Es wird eh alles nur Unsinn und ausgemachte Lügen sein.“ Er zuckte mit den Schultern. „Am Besten liest du sie gar nicht erst.“
„Nein Jonathan, das werde ich definitiv nicht machen.“, gab Ana bestimmt von sich. „Ich will wissen, was sie über uns geschrieben habe.“ Sie reckte trotzig ihr Kinn in die Höhe.
„Mmh.“ Ihr Gegenüber blickte sie skeptisch an. „Ich weiß nicht.“, sagte er schließlich. „Es kann einen ziemlich fertig machen all diese Lügen zu lesen, weißt du...?“
Anastasia zuckte die Schultern. „Aber das ist immer noch besser, als nichts zu wissen.“ Bestimmt nickte sie. „Ich mag Unwissenheit nicht.“ Ein leicht trotziger Zug hatte sich auf ihr Gesicht geschlichen.
Orlando entkam indes ein Seufzen. „Das musst du entscheiden, Ana. Du bist alt genug, um zu wissen, was gut für dich ist und was nicht.“ Er schwieg kurz. Sein Gesicht spiegelte Sorge wieder. „Ich bitte dich lediglich darum Wanda nichts zu erzählen, okay? Sie ist einfach noch so jung für so etwas.“
Ana nickte. „Natürlich. Wanda wird davon nichts erfahren!“
Sie schwiegen erneut, standen sich wortlos gegenüber. Ein Auto fuhr an ihnen vorbei. Der Motor surrte rhythmisch. Irgendwo in der Straße wurde eine Tür zugeschlagen und lautes Lachen ertönte. Dann erklang ein Wimmern direkt neben ihnen...
„Tja, Sidi scheint gehen zu wollen.“ Orlando schenkte seinem Gegenüber ein entschuldigendes Lächeln und fuhr seinen Hund einmal beruhigend über den Rücken. „Ich komm schon, Dicker.“, sprach er an den Rüden gewandt.
„Dann...dann mach es gut, ja...?“ Ana schenkte ihm ein scheues Lächeln. Sie hatte sich mit ihrem Oberkörper leicht gegen die Tür gelehnt. Ihre Linke hatte sie in der Manteltasche vergraben.
Orlando nickte. „Das werde ich.“ Er erwiderte ihr Lächeln. „Und du passt mir auf Wanda auf, ja...?“ Er zwinkerte ihr vergnügt zu.
„Das werde ich.“, versprach Ana. „Und du meldest dich, sobald du wieder da bist, ja...?“, wollte sie wissen. „Wanda wird mich sicherlich jeden Tag zuquengeln, solange du nicht da bist!“ Ihrer Kehle entrang sich ein Seufzen. „Das wird absolut grauenvoll!“, murrte sie leise vor sich hin.
Orlando entlockte dies ein Lachen. „Natürlich werde ich mich melden.“, versicherte er ihr und schwieg dann.
Sie lächelten sich immer noch scheu an. Unruhig lief Sidi neben ihnen auf ab und ab, zerrte an seiner viel zu kurzen Leine. Orlando wollte sich schon umwenden, als er nochmals innehielt. Nachdenklich kaute er auf seiner Unterlippe. „Ana...?“, wandte er sich schließlich nochmals an die Deutsche.
„Mmmh...?“
„Danke nochmals, ja? Danke für alles.“ Er griff nach ihrer Hand, drückte diese ganz sachte. Währenddessen blickte er sie direkt an, sah direkt in diese tiefblauen Augen mit dem ihnen ganz eigenen fröhlichen Funkeln....
Dann drehte er sich um. Ganz langsam nur. Ihre Hände lösten sich wie von selbst voneinander...so weit bis sich nur noch ihre Fingerspitzen berührten und dann nicht einmal mehr diese. Er blickte sich nicht mehr um und auch sie wandte sich stumm von ihm ab. Beide trugen ein melancholisches Lächeln auf den Lippen...
-----------------------------------------------------
Wichtig:
Ich werde in den kommenden Tagen in den Urlaub fahren. Anders gesagt: Vorerst wird dieses Update das letzte Update sein.
Wann ein weiteres Update folgen wird, weiß ich noch nicht genau...Die Geschichte wird aber definitiv weiter geführt. Keine Angst!
------------------------------------------------------
Hast du noch Zeit für ein Review?
|
|
29.03.2009 19:24 |
|
|
|